Die Betroffenen

Von Illettrismus betroffene Menschen haben unterschiedliche Lebensläufe und oft lassen sich kaum Gemeinsamkeiten feststellen: Sie stammen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, sie gehen unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten nach und haben unterschiedliche Ausbildungsniveaus.

Illettrismus beschreibt ein komplexes Phänomen, dessen Ursachen und Folgen sowohl in der Gesellschaft als auch in den individuellen Lebensläufen der Betroffenen zu finden sind. Auch die Ausprägung der Schwierigkeiten und ob diese in allen schulischen Fächern bestehen, ist sehr individuell.

Einige Merkmale lassen sich aber bei vielen Betroffenen beobachten: kritische Lebenserfahrungen, ungünstige sozio-ökonomische Situation der Familie, kulturelle Aspekte.

Gemeinsame Merkmale

  • Von Illettrismus betroffene Menschen unterscheiden sich klar von Analphabetinnen und Analphabeten: Sie haben eine langjährige Schulzeit hinter sich und können lesen und schreiben. Ihre Kompetenzen reichen jedoch nicht aus, um im Alltag Texte (Geschäftsbriefe, Busfahrpläne, Elternbriefe aus der Schule usw.) sicher genug zu lesen und zu schreiben.
  • Ungünstige Lebensumstände, einschneidende Ereignisse in der Kindheit und Jugend, ein ungünstiges sozio-kulturelles Umfeld haben oft den Lernprozess behindert.
  • Ohne die notwendigen Grundkompetenzen, um den Alltag selbständig zu bewältigen, ist die Teilnahme in vielen Bereichen eingeschränkt.
  • Häufig entsteht eine Abhängigkeit von Drittpersonen (Angehörige, Nachbarn, Arbeitskolleginnen und –kollegen, soziale Einrichtungen usw.).
  • In unserer Gesellschaft, in der Bildung als erstrebenswert und hohe Schriftsprachkompetenzen als „normal“ gelten, ist es für Betroffene oft schwierig, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln.
  • Um die Schwierigkeiten zu verheimlichen oder um sich vor verletzenden Situationen zu schützen, entwickeln Betroffene Strategien: Die Defizite werden verschwiegen, Vergesslichkeit, Unzuverlässigkeit oder mangelnde Konzentrationsfähigkeit werden vorgetäuscht, Veränderungen (beispielsweise Beförderungen) werden abgelehnt.

Anerkennung der Kompetenzen

Die Lese- und Schreibkompetenzen einzelner Menschen weisen nicht auf Kompetenzen in anderen Lern- und Lebensbereichen hin. Von Illettrismus Betroffene haben alle zahlreiche andere Kompetenzen entwickelt, die es zu anerkennen gilt, damit sie ein positives Selbstbild entwickeln können.

Wer trotz Lese- und Schreibschwierigkeiten den beruflichen und privaten Alltag meistert, hat sich viele Fähigkeiten angeeignet und Strategien entwickelt. Diese hohe Anpassungsfähigkeit erfordert ein grosses Mass an Intelligenz.

 

Siehe auch: Zahlen und Fakten

Agenda

Di 27. Jun
Workshop: Alltagsmathematik mit neuen Technologien vermitteln
Mo 3. Jul
– 6. Jul 2017
20th European Conference on Literacy
Mo 28. Aug
– 31. Aug 2017
Tagung PH FHNW: Literalität und Erkenntnis im schulischen Lernen.


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